Literatur zu den Kommunikationsproblemen beim Atommüll und zur Priesterschaft des Atommülls:

  • Roland Posner (Hg.): Warnungen an die ferne Zukunft – Atommüll als Kommunikationsproblem. Raben-Verlag, München, ISBN 3922696651
  • Und in alle Ewigkeit. Kommunikation über 10.000 Jahre. Zeitschrift für Semiotik, Band 6, Heft 3, 1984
  • J. Kreusch und H. Hirsch: Sicherheitsprobleme der Endlagerung radioaktiver Abfälle in Salz. Gruppe Ökologie, Hannover 1984
  • R. Schneider: Countdown für die Ewigkeit-Atommüll als Kommunikationsproblem, Radio-Feature, DLF 30.12.2003
  • A. Jensen: Ewiges Feuer, Spiegel spezial 7 (1995)
  • Wie von einem anderen Stern. Können wir Menschen, die erst in 10.000 Jahren leben, vor den Gefahren unseres Atommülls warnen?, ver.di-publik, 08/09-2004
  • IPPNW (Hrsg.), Die Endlagerung radioaktiver Abfälle, S. Hirzel-Verlag, Stuttgart 1995
  • Jeremy Hall, Lebenszeit, Halbwertzeit, Zweitauseneins, Frankfurt/M. 1998
  • Studie im Auftrag der EU: Mögliche toxische Auswirkungen der Wiederaufbereitungsanlagen in Sellafield und La Hague, Okt. 2001 - Publikation des Europa-Parlaments PE Nr. 303.110

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Grundlegende Literatur und Beiträge in den Medien:

http://www.wdr3.de/kulturfeature/details/artikel/countdown-fuer-die-ewigkeit.html

Samstag, 15.01.11 um 12:05 Uhr

Countdown für die Ewigkeit

Atommüll als Kommunikationsproblem

Thermographie-Aufnahmen Castor-Transport mit Atommüll in Valognes; 
Rechte: dpa/Greenpeace
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Strahlender Müll

Von Reinhard Schneider

Seit Jahrzehnten werden geologische Formationen untersucht, die geeignet sind Atommüll aus der Kernkraft für viele Millionen Jahre von der Biosphäre zu isolieren. Doch wie können nachfolgende Generationen solche Lagerstätten - ob sie nun Gorleben oder anders heißen - auch in Jahrtausenden noch als solche erkennen?

In den USA der 80er Jahre bekam ein Krisenstab die Aufgabe gestellt, brauchbare „Warnsysteme an die Zukunft“ zu entwickeln. Das Feature berichtet von Zeichentheoretikern und deren Bemühungen um ein Warnsystem, das auch in ferner Zukunft Generationen vor den Gefahren atomarer Endlager warnt.

Produktion: RBB/NDR/WDR/SR/DLF 2003
Redaktion: Dorothea Runge

oder:

www.dradio.de/download/7955/
COUNTDOWN FÜR DIE EWIGKEIT
Atommüll als Kommunikationsproblem
von Reinhard Schneider

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http://www.jogschies.info/artikel.html#Artikel_Atompriester
Atompriester unterm Kunstmond
Müllnachrichten an das 120. Jahrhundert
Rainer B. Jogschies hat in die Vergangenheit einer strahlenden Zukunft gesehen.


Der ehemalige Schauspieler Ronald Reagan bekam ein wahrhaft phantastisches Drehbuch – endlich eines für die Ewigkeit – schön, nachdem es mit seinen Westernrollen in den Fünfzigern nur zu spöttischen Ehren gereicht hatte.

Ausgerechnet der renommierte Kommunikationswissenschaftler Thomas A. Seboek stellte dem gerade ins Amt eingeführten 40. US-Präsidenten 1981 ein Szenario zwischen Science Fiction und Trash vor: Die Story einer verschworenen Priesterschaft, die über dreihundert Generationengeheimnisvolle Riten pflegt und strahlendes Wissen von der Welt weitergibt.

Das fand Gefallen. Dabei ging es im Script nur um Müll. Die Bechtel Group Inc., einer der größten US-Mischkonzerne, war noch von Reagans Amtsvorgänger George Bush in Person des späteren Außenminister und Aufsichtsrat George Shultz beauftragt worden, für ein »Nationales Müll-Lagerungs-Programme« zu klären, wie heutige Informationen über "toxic trash" - hochgiftigen Abfall, vornehmlich atomaren - in hundert Jahrhunderten noch verstanden würden. Denn der gesellschaftliche Filmriss ist vorprogrammiert:

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      bereits nach drei Generationen verändern sich beispielsweise Wortbedeutungen oder auch die sozialen Bezugssystemen menschlicher Sprach- und Zeichenmuster derart, dass eine Verständlichkeit nicht mehr von vornherein angenommen werden kann. Sie werden schlicht vergessen wie manch Film-Held. Die Sprachgeschichte, insbesondere die Entschlüsselung und Entzifferung unbekannter Schriften und Symbole (seien es phönizische, altpersische oder zypriotische), war am Anfang der achtziger Jahre indes gerademal über ein Drittel des fraglichen Zeitraumes von zehntausend Jahren zu verlässlichen Ergebnissen über die Vergangenheit gekommen. Dies allerdings auch nu runter der Voraussetzung,
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      dass es überhaupt ein(wissenschaftliches)Bedürfnis zur Entzifferung der (ursprünglich nicht einmal in die Zukunft gerichteten)Informationen gab. Der Schwierigkeitsgrad der Entschlüsselung hing dabei zudem von der Vergleichbarkeit mit bereits bekannten Sprachen oder Zeichensystemen ab. Studien über das zielgerichtete Absenden an und das erfolgreiche Empfangen von Nachrichten in "Zukunft" liegen bis heute nicht vor.

Seboek, Professor für Semiotik an der Indiana University, ersann für Bechtel daher eine Methode zur regelmäßigen Aktualisierung der Atommüll-Nachrichten an das 120. Jahrhundert: Die altbewährte Mund-zu-Mund-Propaganda als Zukunftstechnik. Eine "Atom-Priesterschaft" solle mittels eines "künstlich geschaffenen Ritual mitzugehöriger Legende" eine "falsche Spur" legen, die "Uneingeweihte aus anderen Gründen als aus denen wissenschaftlicher Kenntnis der Strahlung und ihrer Folgen von den gefährlichen Stätten fernhalten".

Stoff für Suspense. Reagan, der später auch dem abgehobenen Star-Wars-Plot zuneigte, gab dem Hollywood-reifen Drehbuch eine Chance. Das US-Energie-Ministerium (DOE) ging an die Umsetzung, eine Milliarde US-Dollar sollen bis zum Jahr1996 investiert werden - für nicht mehr und nicht weniger als eine neue Stufe der Kulturgeschichte.

Seboek´s Grundannahme für Grabstätten der heutigen Zivilisation entspricht auffällig gängigen Science-Fiction-Ideen der Achtzigerjahre: "Der Aberglaube wäre letztlich das Motiv, ein bestimmtes Gebiet zu meiden." Wissen wäre nur noch für Eingeweihte wichtig. Der Kolumnist William McPherson fand denn auch das Orwell-Jahr 1984 angemessen, den umstrittenen DOE-Plan in der »Washington Post« unter der Überschrift "Futurespeak" zu feiern: "Kein aufrechter Amerikaner ist gegen Religionen - und neue kamen zu allen Zeiten auf." Dabei ist der Mythos der Müll-Priester die genaue Verdrehung der herkömmlichen Heilslehren und Religionen mit ihren Kultstätten und Kirchen: Es wird an etwas erinnert, was nicht zu erinnern ist - um abzulenken, nicht um sich darauf zu konzentrieren; es wird keine Erlösung versprochen, sondern der ewige Fluch. Eine für diesen "Aberglauben" zu schaffende "Atompriesterschaft" aus "kompetenten Physikern, Experten für Strahlenkrankheiten, Anthropologen, Linguisten, Psychologen, Semiotikern und," wie Seboek sann, "wer immer zusätzlich als Verwaltungsexperte jetzt und in Zukunft gebraucht werden sollte", müsste sich ständig "selbst ergänzen" und ein jährlich erneuertes Ritual abhalten, bei dem die Legende mit Abwandlungen zu erzählen sei im gleichzeitigen elitären Wissen der "Wahrheit".

Zehn Jahre später, 1991, fügte Seboek gegenüber der »Los Angeles Times« unter dem Eindruck des weltweiten Esoterik-Booms auch "zeitgenössische Schamanen und Druiden" zur Rekrutierung für seine sonderbare Sekte an. Wie diese "Folklore" inszeniert werden solle, ließ Seboek bis heute offen, zumal es kein funktionierendes Vorbild dieser Orte einervernebelnden Erinnerung gibt - abgesehen von den "Flüchen der Pharaonen", die bekanntermaßen weder auf Grabräuber noch auf Archäologen sonderlich abschreckend wirkten. Die "Nachricht" der "Legende" solle sich jeweils an drei Generationen wenden, weil in dieser überschaubaren Periode nicht mit einem entscheidenden Informationsverlust gerechnet werden müsste.

Ergänzend sah Seboek "meta-sprachliche Nachrichten" vor, die beispielsweise in künstlichen Sprachen wie mathematischen Formeln am Lager-Ort beispielsweise auf digitalisierten Datenträgern auffindbar sein müssten. Auch diese nur von wenigen zu entschlüsselnden Nachrichten sollten- freilich in größerem zeitlichen Abstand - fortlaufend erneuert werden.

Nach etwas über einem Dutzend Jahren waren freilich bereits diese Grundüberlegungen für ein "sicheres" Atommüll-Lager in der Weltöffentlichkeit so gut wie vergessen. Mit dem künstlichen Kult müsste es nach allen bisherigen Erfahrungen noch schlechter aussehen, sowohl semiotisch wie schlicht baulich:

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      Die in französischen Höhlen gefundenen Tierzeichnungen sollen zehntausend Jahre alt sein - uns sagen sie nicht viel. Gleichwohl will Seboek, so berichtete die »Los Angeles Times« noch 1991, überdimensionale Cartoons an seinen Kultstätten anbringen lassen, die "irgendetwas in der Art wie das Ghostbuster-Logo", nur "futuristisch" sein sollten.
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      Die Bronzezeit-Steine von Stonehenge dürften gerademal halb so alt, fünftausend Jahre sein. Verschiedenste Wissenschaftsrichtungen streiten, was sie bedeuten mögen. Sie sind jedenfalls beliebtes Reiseziel verschiedenster Nomaden der "New Age"-Szene. Ausgerechnet ein "modernes Stonehenge" versprach aber die »Washington Post« ihren Lesern blauäugig, obwohl das Gegenteil bezweckt sein sollte.
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      Als letztes der sieben "Weltwunder" haben allein die Pyramiden von Gizeh Klimaänderungen und Umweltgifte überdauert - sie sind erst viereinhalbtausend Jahre alt und sind entgegen ihrer Bedeutung Anziehungspunkt für Erlebnishungrige aller Jahrhunderte gewesen.
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      Die Hard- und die Software für Computer hat sich allein in einem Jahrzehnt seit Mitte der Achtziger so extrem verändert, dass ihre Nutzung in tausend Jahrzehnten wenig wahrscheinlich ist. Diese Probleme werden dadurch nicht geringer, dass die unterstellte radioaktive Halbwertzeit von zehntausend Jahren überwiegend bei Atomwaffen vorzufinden ist, die gefährlichsten Substanzen aus der augenblicklichen Produktion jedoch drei- und mehrfach längere Zeiträume lebensgefährdend strahlen.

Unbeirrt davon wurden in der Chihuahuan Wüste New Mexicos, nahe Carlsbad, bereits vier Schächte neunhundert Meter tief in einen Salzstock getrieben - 49 weitere sollen bis zur "Beladung" mit 800.000 Müll-Fässer 1996 für das "Waste Isolation Pilot Project" (WIPP), eines der geplanten US-Endlagerfertiggestellt sein. Dann werden Fördertürme und oberirdische Planungsgebäude für das Pilotprojekt abgerissen und der Bau der zeremoniellen Zukunft beginnt. Von Anbeginn wurde die Stonehenge-Lösung favorisiert: Es sollen dereinst 25 Granit-Monolithe von sieben Metern Höhe und je 25 Tonnen Gewicht in einem Kreis postiert werden, in der Mitte ein 200-t-Monolith auf einer Plattform in zweihundert Metern Höhe. Auch riesige spitze Betonstachel wie ein Igelrücken wurden erwogen.

Vergessen sind hingegen Umberto Ecos Einlassungen auf Fachkongressen der Achtzigerjahre zu "restringierten Gesellschaften" wie Barbaren, Fremde und unterlegene Rassen, für die der "gegebene Weltzustand" nur noch grob sichtbargemacht zu werden bräuchte - obwohl gerade sie vermutlich dem Hintergedanken der Atom-Priesterschaft am Nähesten kamen: Militärs gingen Mitte der achtziger Jahre von einer Unausweichlichkeit der atomaren Auseinandersetzung aus. Dann wären Menschen innerhalb weniger Generationen ohne Wissen, mit erheblichen sprachlichen Defiziten und Glauben an Kulte naheliegend.

Vergessen auch Stanislaw Lems Lösung, Lebewesen mit "mathematischen Kodierungen" zu verzieren oder Philipp Sonntags Vorschlag eines "künstlichen Mondes", der im Orbit die Wahrheit für eine wieder technikfähige Menschheit bereithalten sollte. Auch "lebende Detektoren" wie speziell gezüchtete heilige Katzen, deren Feld sich bei Radioaktivität verfärbt oder ausfällt, schienen angesichts der realen Müllsorgen längst zu behäbig: Heute schon muss fertig sein, was einzehntausendjähriges Reich begründet.

Zu bedenken gab Seboek freilich von Anbeginn der Debatte um eine Atompriesterschaft, dass künftige Generationen sich nicht "Geboten der Vergangenheit" verpflichtet fühlen könnten. Die "Atompriesterschaft" wäre dann mit einer "zusätzlichen Verantwortung" belastet, wenn ihre Anweisungen nicht aufgrund eines "Gesetzes", dann aufgrund "moralischer Verpflichtung" erfüllt würden. Zur Einhaltung beziehungsweise Durchsetzung schlägt Seboek die "verschleierte Drohung" vor, "dass die Nichtbeachtung des Befehls übernatürliche Vergeltungsmaßnahmen herausfordern könnte".

Da hätte der dann - unter der Voraussetzung zweimaliger Kandidatur und vierjähriger Legislatur wenigstens - 1290. US-Präsident einmal eine Überraschung für seine Bürger, an die Reagan nicht im Film geträumt hätte und vor der Robert Jungk schon vor zwanzig Jahren warnte: Den Atomstaat, der die Verstrahlung seiner Bürger bewusst in Kauf nimmt, wie dies die USA und die UdSSR ab Beginn der Fünfzigerjahre bereits heimlich taten.

    Dieser Berichtt erschien 1994 zunächst im "Deutschen Allgemeinen Sonntagsblatt", später stark gekürzt in der "Woche". Beide Publikationen haben den Gang der beschriebenen Dinge nicht mehr überlebt.. Und es gab noch keine Vorstellung, was Pressesprecher von Konzernen wie Vatenfall ausrichten könnten.

 

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